| Mein
Lebensschrank und Gottes Vergebung
Jesus Geschichte von M. 02.08.01

Ich befand mich in einem Zimmer, in dem nichts war außer
einem Regel voller
Kästen mit Karteikarten. Sie ähnelten den Karten, die
man in Büchereien
findet, auf denen Titel, Autor und Sachgebiet alphabetisch aufgelistet
sind.
Aber die Kästen hier, die vom Fußboden bis zur Decke
reichten und zur
rechten und linken Seite kein Ende nahmen, waren in ganz unterschiedliche
Rubriken eingeteilt. Als ich mich dem Regal näherte, erregte
eine Box mit
der Aufschrift: "Mädchen, in die ich verliebt war"
meine Aufmerksamkeit. Ich
öffnete den Kasten und begann ein bisschen herumzublättern.
Schnell schlug
ich ihn wieder zu. Erschrocken stellte ich fest, dass mir all die
Namen
bekannt vorkamen.
Ohne dass es mir jemand sagen musste, wusste ich genau, wo ich
war. Dieser
düsterer Raum mit seinen Akten beinhaltete ein Katalogsystem
über mein
Leben. Hier war alles aufgeschrieben,
Wichtiges und Unwichtiges, mit allen
Details, an die ich mich gar nicht mehr erinnern konnte. Verwunderung
und Neugier überkamen mich gleichzeitig, als ich mit einem
Schaudern anfing, planlos die Kästchen zu öffnen, um ihren
Inhalt zu inspizieren. Einige brachten Freude und schöne Erinnerungen,
bei anderen schämte ich mich so sehr, dass ich mich sogar vorsichtig
umdrehte, um zu sehen, ob mich jemand beobachtete. Der Kasten "Freunde"
stand neben dem Kasten "Freunde, die ich enttäuscht habe".
Die Aufschriften waren zum Teil ganz normal, zum Teil ziemlich absurd.
"Bücher, die ich gelesen habe", "Lügen,
die ich erzählt habe", "Ermutigungen für andere",
"Witze, über die ich gelacht habe". Einige waren
in ihrer Exaktheit fast schon witzig: "Worte, die ich meinem
Bruder an den Kopf schmiss". Über andere konnte ich gar
nicht lachen: "Dinge, die ich aus Wut getan habe", "Beleidigungen,
die ich im Stillen gegenüber meinen Eltern aussprach."
Immer wieder war ich über die Inhalte überrascht. Häufig
fand ich viel mehr Karten vor, als ich erwartete, manchmal weniger,
als ich erhoffte.
Die unglaubliche Menge der Kästen überwältigte
mich. Konnte es möglich sein,
dass ich mit meinen zwanzig Jahren all diese Karten, bestimmt Tausende
oder
sogar Millionen, ausgefüllt hatte? Jede Karte bestätigte
diese Annahme. Sie
wiesen alle meine Handschrift und sogar meine Unterschrift auf.
Der Kasten "Lieder, die ich angehört habe" war viel
größer als alle anderen,
fast drei Meter breit! Die Karten waren eng hintereinander eingeordnet.
Ich
schloss ihn beschämt, nicht so wegen der Qualität der
Musik, sondern weil
ich mir der immensen Zeitverschwendung bewusst wurde, die diese
Rubrik
deutlich machte.
Als ich die Aufschrift "Erotische Gedanken" entdeckte,
lief mir ein Schauder
über den Rücken. Ich zog den Kasten nur ein Stück
heraus, denn ich wollte
die Größe gar nicht erst sehen, und nahm schnell eine
Karte heraus.
Innerlich zuckte ich zusammen bei den genauen Angaben darauf. Mir
wurde
schlecht, als ich daran dachte, dass auch solche Momente festgehalten
waren.
Plötzlich wurde ich unglaublich zornig. Ich hatte nur einen
einzigen Gedanken: "Niemand
darf diese Karten jemals sehen! Niemand darf jemals dieses Zimmer
entdecken! Ich muss es zerstören!" In wilder Verzweiflung
zog ich ruckartig den Kasten raus. Die Größe war völlig
egal. Ich musste ihn leeren und die Karteikarten vernichten. Ich
drehte den Kasten um und schüttete die Karten heraus, um sie
zu zertreten. Doch keine einzige ging kaputt! Außer Atem nahm
ich eine Karte in die Hand und bemerkte, dass sie stahlhart war
-unzerstörbar. Geschlagen und völlig hilflos stellte ich
den Kasten an seinen Platz zurück.
Und dann sah ich es. Die Aufschrift eines Kastens lautete: "Personen,
denen
ich von Gott erzählt habe." Der Griff dieses Kästchens
war sauberer als die
anderen drum herum, neuer, fast unbenutzt.
Ich zog, und ein Kasten nicht länger als ein paar Zentimeter
kam zum Vorschein. Ich konnte die Karten darin an einer Hand abzählen.
Mir kamen die Tränen. Wildes Schluchzen schüttelte mich.
Ich fiel auf die Knie und weinte laut, weil ich mich so wahnsinnig
schämte. Vor meinen Augen drehten sich die Regale mit ihren
ganzen Aufzeichnungen. Niemand, wirklich niemand, darf jemals von
diesem Raum erfahren. Ich muss ihn abschließen und den Schlüssel
verstecken.
Dann, als die Tränen versiegt waren, sah ich ihn. Oh
nein, bitte nicht er.
Nicht hier. Nein, alles, aber bitte nicht Jesus!
Hilflos nahm ich wahr, dass er die Kästen öffnete und
die Karteikarten durchlas. Ich konnte nicht mit ansehen, wie er
reagieren würde. Als ich mich überwand und ihm ins Gesicht
schaute, bemerkte ich, dass es ihm noch viel mehr schmerzte als
mich. Intuitiv schien er die peinlichsten Kästen herauszunehmen.
Warum musste er jede einzelne Kartelesen?
Schließlich drehte er sich um und sah zu mir herüber.
Mitleid spiegelte sich
in seinen Augen. Ich senkte meinen Kopf, hielt mir die Hände
vors Gesicht
und fing an zu heulen. Er kam zu mir und legte den Arm um mich.
Er hätte so
viel sagen können - aber er schwieg. Er weinte mit mir. Dann
stand er auf und ging zurück zu dem Regal.
Er begann an einer Seite des Zimmers, nahm jeden Kasten raus und
fing an, meinen Namen durchzustreichen und ihn mit seinem eigenen
zu überschreiben - auf jeder Karteikarte.
"Nein", schrie ich und rannte zu ihm herüber. Das
einzige, was ich sagen konnte, war "Nein, nein", als ich
ihm die Karte aus der Hand zog. Sein Name
sollte nicht auf diesen Karten stehen. Aber da stand er schon, mit
blutroter Farbe. Nur sein Name war zu lesen, Jesus, nicht mehr meiner.
Er hatte mit seinem Blut unterschrieben.
Schweigend nahm er die Karte zurück. Er lächelte traurig,
während er weiter
die Karten unterzeichnete. Ich weiß nicht, wie er das so schnell
gemacht
hat, denn schon im nächsten Moment hörte ich den letzten
Kasten zuklappen.
Er legt seine Hand auf meine Schulter und sagte: "Es ist vollbracht."
Ich stand auf, und er führte mich aus dem Zimmer. Es gab kein
Schloss an der
Tür. Aber es gab viele weitere leere Karten, die darauf warteten,
beschrieben zu werden.
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