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Masturbation in der Ehe
Den Partner ausblenden
tempora, o mores!" Das ist der lateinische Webgesang über sogenannten
guten alten Zeiten", die leider vorbei sind. Wie schön wäre es,
heute über Sexualität im Vertrauen auf eine neutrale Zuhörerschaft
schreiben zu können! Ich wäre glücklich, könnte ich meine Ausführungen
über dieses Thema frei von gesellschaftlicher Vorprägung, frei von
perversen Erwartungen oder neurotischen Ängsten darlegen! Die ,,guten
alten Zeiten" für solch eine freie Ideenweitergabe, sind, so fürchte
ich vorbei. Nur ganz am Anfang der Menschheitsgeschichte, so lesen
wir im biblischen Schöpfungsbericht, gab es sie - eine Zeit, wo
Mann und Frau mit- und voreinander nackt waren un sich nicht schämten.
Aber das war einmal - oder doch nicht ?
Karl und Claudia: Eine Liebesgeschichte
Karl und Claudia, beide um die Dreissig, schauten etwas verlegen
zu Boden. Sie suchten Rat für ihre Beziehung. Es ging um ihre Sexualität
, und zwar Zunächst ganz spezifisch um Masturbation, Selbstbefriedigung.
Karl hatte früher - wie wohl die meisten Jungen - regelmässig masturbiert.
Er kam aus einem religionslosen Elternhaus, wo offen über Sex diskutiert
wurde und Masturbation als selbstverständlicher Ausdruck er Sexualität
galt. Allerdings hatte sie sich bei ihm so zur Sucht entwickelt,
dass er von dieser Art sexuellen Erlebens über Jahre hinweg gefangen
war Er sprach mit seinen Freunden nie darüber, ob wohl ihn der rege
Austausch an pornographischer Literatur und die begleitende Bemerkungen
davon überzeugten, dass es allen anderen ähnlich ging.
Pornographische Phantasie und Literatur
waren inzwischen ein fixer Bestandteil seines ,,masturbativen Lebensstlis",
wie er es nannte. Innerlich war er auf der Suche nach mehr.
Nach dem Abschluss seines Studiums lernte er, bald schon beruflich
erfolgreich, Claudia kennen.
Claudia kam aus einem religiösaktiven Elternhaus, wo zum Thema
Sexualität ebenfalls eine offene Atmosphäre herrschte. Masturbation,
so meinten ihre Eltern sei durchaus verständlich in verschiedenen
Lebenssituationen des Singlelebens - und in der Ehe sollten sie
beide gemeinsam entschieden, wie sie ihre Sexualität gestalten wollen.
Claudia hatte schon als kleines Mädchen entdeckt, wie sich ein Wonnegefühl
über ihren ganzen Körper ausbreitete, wenn sie ihren Genitalbereich
mit einer Decke oder mit der Hand stimulierte. Auch sie praktizierte
während ihrer späten Teenagerjahre diese Art sexueller Erfahrung.
Im Gegensatz zu Karl fühlte sie sich jedoch nie ,,süchtig", so sodass
sie auf bestimmte sexuelle Reize hin hätte masturbieren müssen.
Es war für sie eher eine schöne Art, ab und zu ihren eigenen Körper
zu spüren und in Einklang mit ihrer Sexualität zu leben. Pornographie
war ihr unwichtig oder verabscheute sie.
Karl liebte Claudias selbstbewusste und lebensfrohe Art. Sie wiederum
fühlte sich geborgen in seinem Respekt für sie und ihren persönlichen
Glauben. Es dauerte nicht lange und Karl vollzog eine innere Hinwendung
an Gott und fand eine attraktive Gemeinde. Wie er sich erinnert,
war die Hoffnung, von seiner suchtartigen Masturbation befreit zu
werden, Faktor seiner Bekehrung. Nach guter Überlegung heirateten
sie und genossen ihre Beziehung. Masturbation war vorerst kein gemeinsames
Thema. Claudia fehlte sie nicht und Karl kämpfte entschieden dagegen,
da er, als christlicher Ehemann, dieses zwanghafte Verhalten unter
keinen Umständen mehr zulassen wollte. Er war jetzt überzeugt, er
würde sich damit gegen seinen eigenen Körper und gegen seine Frau
versündigen.
Eines Tages stellte Karl fest, wie sich während romantischer Begegnungen
mit seiner jungen Frau alte perverse Phantasiebilder seiner Gedanken
bemächtigten. Er war erschüttert und verunsichert, hatte er doch
gemeint, er sei davon inzwischen weitgehend befreit. Würde er jemals
einen reifen Ehe- und Sexualpartner für seine Frau abgeben? Nach
einem zehntägigen betrieblichen Auslandseinsatz zurückgekehrt, erzählte
ihm Claudia (wie Frauen das manchmal tun) alle interessanten Erlebnisse,
an die sie denken konnte. Sie erwähnte auch, fast nebenbei, dass
sie sich so sehr nach ihm gesehnt und dass sie masturbiert hatte.
Karl fiel aus allen Wolken, wollte genaue Details wissen, wie und
wann und wo.
Claudia hatte mit einer solch heftigen Reaktionen ihres Mannes
nicht gerechnet, war auch nicht gewillt, seiner (wie ihr schien
krankhaften) Neugier nach Details nachzugeben und zog sich zurück.
Was wiederum Karl alarmierte. Nach mehreren ereignislosen Versuchen,
einander näher zu kommen, entschieden sie sich einen Berater aufzusuchen.
Während der Schilderung von Karl und Claudia ertappte ich
mich dabei, wie ich selbst zwischendurch kurz in Gedanken zurück
durch meine eigene "sexuelle Biographie" reiste. Sie enthielt Ähnlichkeiten
mit der Karls, war jedoch nicht identisch. (Es scheint mir für den
Leser wichtig, diese Selbstbeobachtung hervorzuheben. Als Berater
sind wir uns bewusst, dass die Anliegen anderer in uns selbst in
gewisse Erfahrungen wachrufen, und dass wir durch unsere Fragen
Lösungsprozesse in bestimmte Richtungen lenken.) Ähnlich wie Karl
war ich als Junge ,,masturbationssüchtig". Als unbeholfener Internatsschüler
war ich zwar Spätentwickler, entdeckte Masturbation jedoch als ,,gewaltig
schönes Ereignis". Allerdings hatte ich aufgrund einer dort herrschenden
psychopatisch-religiösen Erziehung beillose Scham- und Schuldgefühle.
Lange habe ich mich gefragt, wie aus jenen ersten genitalsexuellen
Höhepunkten eine solche Sucht werden konnte. Als junger Student
wusste ich eines: Ich wollte frei werden von diesen Zwangshandlungen
- egal wie. Allerdings hatte ich, im Gegensatz zu Karl, nie Probleme
mit Pornographie. Wenn ich zurückdenke, grenzt es an ein Wunder,
dass ich davon verschont geblieben war.
Die Erfahrungen von Karl und Claudia enthielten Hinweise auf mehrer
wichtige Überlegungen, die ich hier folgendermassen überschreiben
möchte: Die Fähigkeit zur sexuellen Selbstbefriedigung ist sowohl
ein Geschenk als auch eine Gefahr
Masturbation und Sexualität: Die
Bedeutung der körperlichen Entwicklung
Manchmal werde ich gefragt: ,,Glauben Sie an Sex vor der Ehe?" Natürlich
tue ich das! Dabei denke ich allerdings weder an Geschlechtsverkehr
mit wechselnden Partnern noch an Masturbation, sondern an die Tatsache,
dass wir Menschen durch und durch sexuelle Wesen sind. Alles, was
wir denken, sagen und tun, geschieht aus einer hineingewobenen sexuellen
Gegebenheit und Orientierung - sei es männlich oder weiblich, auch
wenn wir keinen festen Partner haben.
Wir sind zwar von Geburt an (im Normalfall) klar definierte sexuelle
Wesen, müssen jedoch mehrere Entwicklungsphasen durchwandern. Diese
,,Wanderjahre" sollen uns dorthin bringen, wo wir unsere psychosexuelle
Reife geniessen und mit anderen frei gestalten können.
Auf einigen Stufen der körperlichen Entwicklung scheint das genitale
Interesse auf einen besonderen Wachstumsschub hinzuweisen. Das ist
schon in den ersten Lebensjahren beim Kleinkind zu beobachten, und
dann wieder besonders in der Pubertät und frühen Adoleszenz. In
diesen Phasen ist es ganz normal, seine Sexualität über den Genitalbereich
zu erleben, (wenngleich dies nicht bei allen Menschen zu aktiver
Masturbation führt). Deshalb möchte ich ganz entschieden jene gesellschaftlichen
und religiösen Lehren zurückweisen, die Masturbation als krankhaft,
schädlich und pervers verteufelt haben. Warum sich diese Lehren
bis herauf in unser Jahrhundert gehalten haben und warum heute in
manchen Gesellschaftsschichten das Pendel geradezu ins andere Extrem
ausschwingt, dafür gibt es mehrere Gründe und ich überlasse den
Lesern ihr eigenes Urteil. Man kann jedenfalls getrost behaupten,
dass Masturbation solange ,,normal" und verständlich ist, solange
sich der Mensch in sexueller Entwicklung befindet. Entwicklung gehört
nun einmal zu unserem Leben.
Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt der körperlichen Erfahrung,
nämlich die Ekstase oder den Orgasmus. Körperlicher Orgasmus ist,
allen anderen Aussagen zum Trotz, medizinisch nachweisbar sehr gesund;
von der Anregung des Kreislaufs, über die Durchblutung des gesamten
Hautzellensystems bis zum Muskelgewebe und den inneren Organen,
wie Lunge, Nieren etc. Obwohl es, medizinisch gesehen, weder für
Verheiratete noch Unverheiratete notwendig ist, zu masturbieren,
ihrem Körper tut es gut. Warum mein Beitrag dennoch nicht ein generelles
Plädoyer für Masturbation werden wird, hängt mit einigen anderen
Faktoren zusammen, die ich später beleuchten möchte.
Masturbation und Persönlichkeit:
Die Bedeutung der seelischen Entwicklung
Ein wesentlicher Aspekt unserer menschlichen Persönlichkeit liegt
darin, dass wir uns selbst erkennen und definieren können. Dazu
gehört auch, dass wir uns selbst als psychosexuelle Wesen erleben
sollen. Dies ist auf vielfältige Weise möglich, und deswegen bräuchten
wir, wie schon erwähnt, nicht unbedingt das genitale Erleben - aber
die prinzipielle Befreiung für genitales Erleben gehört dazu. Hier
spreche ich als Berater, der häufig konfrontiert ist mit sexuellen
Problemen, die auf mangelnde Selbstannahme zurückgehen - oft bis
zur Verabscheuung des eigenen Körpers. In vielen Fällen zeigt sich
dies, dass man seine eigenen Genitalien gar nicht berühren mag (schambesetzt)
oder aber in einem (schamlosen) Fehlen jeglicher Grenzen in der
Promiskuität (Partnerwechsel).
Claudia scheint hier ein positives Beispiel. Sie hatte ihren Körper
angenommen und fühlte sich wohl "in ihrer Haut". Sie hatte eine
befreite Art, sich als Frau, als sexuelles Wesen zu erleben. Masturbation
war für sie bei weitem nicht die einzige Art, dies zu tun. Sie tanzte
gerne, war begeisterte Schwimmerin und liebte Blumen. Deshalb ,,brauchte"
sie Masturbation nicht unbedingt, es war für sie noch als Single
ein eher nebensächlicher Teil ihrer psychosexuellen Erlebniswelt.
Masturbation und Beziehung: Ist
Masturbation beziehungsschädlich?
Ob es für eine Beziehung bereichernd oder störend ist, wenn ein
oder beide Partner masturbieren, kann man nicht von vornherein sagen.
Generell wünsche ich allen, die eine Partnerschaft eingehen, dass
sie sich über die eigene Geschlechtlichkeit freuen können und die
individuelle Art der sexuellen Erregung kennen. Das kann helfen,
später dem Partner mitzuteilen, was in der körperlichen Beziehung
gut tut und was nicht. Darunter leiden doch so viele Ehen, dass
die Partner nie gelernt haben, was sie selbst eigentlich bräuchten
(das gilt natürlich nicht nur im Bett!), und deshalb auch den anderen
nicht lehren können, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Allerdings möchte
ich betonen: Es ist viel wichtiger, dass zwischen den beiden eine
offene Kommunikation besteht, als dass sie masturbieren können!
Für eine gelingende Ehebeziehung gelten allerdings noch einige
zusätzliche Merkmale. Eine Beziehung ist essen eine Verbindung zweier
Menschen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungswelten und Wertmassstäben.
Deshalb wird in einer kreativ gestalteten Ehe dieses (wie jedes
andere) Thema nie von einem Teil allein entschieden werden, sondern
die beiden werden sich gemeinsam überlegen, wie sie am besten (mit-)einander
ihre Wünsche erfüllen. Da könnte es vorkommen, dass der eine zunächst
auf die Wünsche des anderen eingeht, obwohl er selbst andere Ziele
und Bedürfnisse hätte.
Wir sehen dies deutlich bei Karl und Claudia. Für Claudia war
Masturbation etwas Positives, ohne Zwang oder Perversion. Irgendwie
war es für sie ein Zeichen, dass sie auch als Ehefrau noch eine
eigene Erlebniswelt hatte und nicht ausschliesslich abhängig war
von der Bereitschaft ihres Mannes. Das Gleiche konnte Karl nicht
von sich sagen. Er hatte damit massive Probleme und zwar, wie wir
sehen werden, gleich auf mehreren Ebenen. Was Claudia zunächst nicht
ahnte, aber bald erfahren sollte, ist die Tatsache, dass ein Problem
eines der Partner bald auch ein Problem der Beziehung wird. Für
die beiden jedenfalls war ihre Masturbation in der Ehe (nicht seine
von früher!) eine erste Belastungsprobe der Beziehung. Claudia lernte
nämlich einige Kehrseiten kennen an der für sie bisher positiv besetzten
sexuellen Selbstbefriedigung. Zunächst war das Thema Masturbation
für diese Beziehung jedenfalls störend.
Masturbation und Sucht: Wie wird
ein Mensch sexsüchtig?
Wie jede andere Sucht entwickelt sich auch die Masturbations-Sucht
nach und nach. Ob es schön, angenehm oder faszinierend erlebt wird,
hängt auch vom momentanen seelischen Zustand ab. Karl erinnerte
sich, dass er nach relativ kurzer Zeit in Einsamkeit und Langeweile
fast automatisch zum gleichen Mittel griff, obwohl jedes Mal vielleicht
etwas anderes die kreativere Abhilfe geschafft hätte. So konnte
das eine Mal ein guter Film, das nächste Mal ein Gespräch mit dem
Freund oder eine Tafel Schokolade genau dasselbe bewirken. Sucht
lebt also davon, dass der Mensch nicht mehr kreativ mit den einzelnen
Stressfaktoren des Lebens umgeht, sondern sich einengen lässt auf
ein und dasselbe Mittel, seinen Gemütsanstand ,,aufzubessern" (dasselbe
gilt übrigens für Nikotin-, Alkohol- und Drogensucht).
Nun eignet sich Masturbation ,,hervorragend" zum Missbrauch. Schliesslich
haben wir unseren Körper immer dabei, finden schnell einen seelischen
Grund und auch meistens genügend Privatsphäre. Der Psychotherapeut
Dr. Patrick Carnes hat in seinem ausgezeichneten Buch Contrary to
Love (CompCare Pubi., MI 1989) die verheerende Dynamik der Sex-Sucht
aufgezeigt. Im Gegensatz an echter Liebe ist Sex-Sucht verarmend,
treibt den Sucht-Kranken in die Einsamkeit und schliesslich in zwanghafte
Unfreiheit. Ich schätze, dass sich mehr als die Hälfte der Menschen,
die masturbieren, nicht in dieser Art zwanghafter Fixierung befinden,
aber die Zahl derer, die ihre eigene Körperlichkeit längst nicht
mehr unter Kontrolle haben, ist erschreckend hoch. Diese Tatsache
ist sehr ernst. Als junger Mann kannte ich den Begriff Sex-Sucht
noch nicht (genauso wenig, wie mir die Arbeits-Sucht bekannt war),
doch ich wusste, ich war ein Sklave meines Triebes. Leider habe
ich, zum Teil als Folge einseitiger Seelsorge, begonnen, meine Triebe
zu verachten, anstatt für sie dankbar zu sein und sie zu beherrschen.
Diese negative Fixierung hat natürlich in keiner Weise geholfen,
davon frei zu werden.
Als ich mit vierundzwanzig Jahren ein sehr tiefgreifendes Bekehrungserlebnis
zum christlichen Glauben hatte, wurde ich auf den Tag befreit von
der Angewohnheit zu fluchen, nicht jedoch von der Masturbations-Sucht.
Das dauerte noch mehr als ein Jahr. Ich erinnere mich nicht mehr
genau an die einzelnen Phasen der Heilung, aber ich erinnere mich
noch deutlich, als ich es geschafft hatte, drei Wochen ohne Selbstbefriedigung
zu erleben. Dann kam der Punkt, wo ich endlich frei war, wo ich
Ängste, Enttäuschung und Stress nicht mehr in genitalem Zwangsverhalten
abreagieren musste. Es war herrlich! Nur wer einmal selbst in irgendeiner
Sucht versklavt war, kann ein solches Erlebnis mitfühlen. Es würde
den Rahmen dieses Artikels sprengen, näher auf Symptome, Stadien
und Heilungsschritte der Sex-Sucht einzugehen. Ein Auszug aus einem
Brief soll genügen, um aufzuzeigen, dass man überall dort nicht
mehr von Bereicherung und Gesundheit sprechen kann, wo man süchtig
geworden ist:
,,Wir kennen die Beengung der sexuellen Abhängigkeit! Wir wissen,
wie demütigend es ist, von den eigenen Triebkräften gefangen an
sein; dass es einsam macht, flüchtig und nur sich selbst dient.
- Dass es die ursprünglich starken Gefühle langsam abtötet, dass
es leer wird, dass wir nach aussen die ganze Zeit heucheln müssen,
so tun, als ob.....
- Dass es uns von unserer eigenen Gefühlswelt entfremdet, dass
es keinen Spass mehr macht, dass es unsere Körper ausbeutet und
wir mehr und mehr Macht über andere suchen.
Wir wissen, dass es uns von unseren Liebsten entfremdet, und haben
Angst, zerbrochen und einsam zu enden ... (Ein anonymer Süchtiger,
Carnes 1989)
Masturbation und Scham: Sucht und
(falscher) Scham sind Zwillinge
Die vorangegangenen Zeilen sind ein Hinweis, dass Sucht - egal in
weicher Form - immer auch von Scham- und Schandgefühlen begleitet
wird. Das darf unter keinen Umständen verwechselt werden mit Schuldgefühlen.
Schuldgefühle sind dort berechtigt und gesund, wo man sich etwas
hat ,,zu Schulden kommen lassen" oder wo man jemandem etwas schuldig
geblieben ist". Schuldgefühle bezüglich Masturbation können auch
erzeugt werden, wenn man aufgrund von bestimmten religiösen oder
gesellschaftlichen Überzeugungen mit Geboten oder Warnung manipuliert
wird.
Davon ist hier nicht die Rede, sondern von der tiefen Überzeugung
des Süchtigen, hilflos und wertlos zu sein. Während Schuld sagt:
,,Ich habe etwas falsches getan", sagt die Schande: Ich bin falsch,
ich bin grundlegend wertlos". Dieses tiefsitzende Gefühl suggeriert
weiter: Niemand liebt mich, wie ich wirklich bin. Solange ich von
anderen abhängig bin, werden meine Bedürfnisse niemals gestillt
werden. Masturbation ist mein grösster Freund, ohne den ich nicht
leben kann." Gleichzeitig aber beginnt man, sich selbst zu verachten
für diese Vereinsamung und Abhängigkeit. Es kann dann geschehen,
dass man vor der eigenen Genitalität und sexuellen Erregung Angst
hat und gleichzeitig auf sie die Hoffnung fixiert. irgendwann einmal
diese Angst zu verlieren.
Das schambesetzte Gewissen stammt also nicht von religiösen Vorwürfen,
sondern von einer persönlichen Überzeugung, nicht liebenswert zu
sein. Es ist das Ergebnis eines unentwickelten oder wieder zerbrochenen
Selbstbildes. Diese Art von kranker Scham oder Schandegefühl steht
in elementarem Gegensatz zum gesunden Schamgefühl, das mich schützen
soll, meinen Körper oder meine Seele anderen auf eine Art preiszugeben,
die mir oder ihnen schaden würde. Das führt uns wieder zurück zu
Karl. Er kannte zunächst keine Schuldgefühle, da ihn niemand eine
falsche Bibelauslegung über Onan (den Rebellen aus dem Alten Testament)
gelehrt hatte, ihm niemand die Lügen über Rückgratverkrümmung oder
spätere Impotenz aufbürden wollte. Dennoch spürte er die Dynamik
von Scham, von Versklavung und Unsicherheit. Für Karl war es deshalb
auch die grosse Befreiung, als er sich überzeugen liess, dass er
in Jesus Christus einen Gott hatte, der sich für ihn persönlich
interessierte. Es ist verständlich, dass Karl die Heilung von seiner
Sucht verband mit seiner neuen Beziehung zu Gott und dass er jetzt
Masturbation als gefährlich und schlecht ansah. Ich wünsche ihm,
dass er befreit bleibt - auch wenn es für ihm bedeuten mag, was
es für einen "trockenen" Alkoholiker in Bezug auf Wein bedeuten
würde.
Masturbation und Perversion: Wenn
Körper und Seele zerstückelt werden
An dieser Stelle machte ich der Vollständigkeit halber jene negative
sexuelle Extrementwicklung erwähnen, die ich mit ,,masturbativer
Perversion" zusammenfasse. Darunter verstehe ich sämtliche Versuche,
sexuelle Selbstbefriedigung mittels Pornographie, Photos, Videos
oder anderen "Sex-Hilfen"* zu praktizieren. Dr. Carnes hat in vielen
Untersuchungen deutlich aufgezeigt, dass Menschen zwar masturbationssüchtig
sein können, dies aber erst im Zusammenhang mit perversen Praktiken
psychisch gefährlich wird. Das mag dem normalen Leser einleuchten.
Meine Erfahrungen bei einem Männerseminar zu diesem Thema aber haben
mir gezeigt wie naiv und leichtfertig viele Männer mit solch vergiftenden
Methoden umgehen. Karl, um zu meinem Klienten zurückzukommen, hätte
vieles gegeben, hätte er seine pornographischen Phantasiebilder
abstellen können, die er sich während einsamer Masturbationsstunden
"eingezogen" hatte. Claudia konnte dies zunächst kaum verstehen.
Meine Berufserfahrungen zeigen mir, dass der Weg von zwanghafter
Phantasie zu hartem Porno und weiter zur Prostitution oder zu Gewaltsex
gar nicht so weit ist. Das ist nicht nur seelisch, sondern auch
geistlich höchst gefährlich. Das Geschenk der Sexualität zu verdrehen
und zu vergiften, ist seit Menschengedenken ein dämonisches Ziel.
Der Mensch ist eben nicht nur ein körperliches und seelisches, sondern
auch ein geistliches Wesen. Das bedeutet, dass unser Umgang mit
der Sexualität unser geistliches Erleben beeinflu1sst. Das prägt
mit, wie wir (sexuelle) Freude, Freiheit und Dankbarkeit erleben,
wie wir umgehen mit den Bedürfnissen unserer Partner usw. Wie und
wen wir anbeten, prägt unsere Persönlichkeit!
Auf dem Weg zur befreiten Partnerschaft
,,Segen und Fluch liegen oft nahe beieinander!" Dies scheint sich
besonders auf dem Gebiet der Sexualität zu bewahrheiten. Der Mensch
kann etwas, das grundsätzlich als gutes Geschenk gedacht war, so
missbrauchen, dass es sich gegen den Beschenkten richtet und ihn
zerstört.
Karl und Claudia haben jeweils auf verschiedene Art ihre Erfahrung
gemacht. Auf dem Weg zueinander stellten sie fest, dass sie gar
nicht so offen miteinander über ihre Sexualität reden konnten. Das
war mir nicht neu. Viele junge Paare glauben, sie seien modern und
offen, aber wenn es zum Dialog über Sex kommen soll, drehen sie
genauso "das Licht aus" wie ihre Vorfahren. In diesem Gespräch vertraute
sich Claudia auch zum ersten Mal ihrem Mann wegen ihrer Enttäuschung
an, wie wenig er sich bemüht hatte, ihren Körper ganzheitlich zu
verstehen. Karl war davon überrascht, hatte er doch geglaubt, er
wisse über seine Frau gut Bescheid. Waren nicht schliesslich alle
Franen irgendwo ähnlich?
Es folgte eine Phase in ihrer Ehe, wo sie gemeinsam entdecken
wollten, wie gut sie miteinander ,,nackt sein konnten, ohne sich
zu schämen". Sie erlebten bald eine neue geborgene Offenheit, sich
gegenseitig zu berühren und zu stimulieren - gerade auch an Tagen,
wo die geschlechtliche Vereinigung nicht gewünscht war. Dieses eheliche
Petting war nicht nur körperlich befreiend, es brachte für Karl
nach einiger Zeit noch eine zusätzliche Erfahrung: Er wollte und
musste sich ganz neu und bewusst mit dem tatsächlichen Körper seiner
Fran (sowie auch seinem eigenen!) auseinandersetzen. Früher hatte
er seine Augen viel zu früh geschlossen und sich ,,Phantasiebilder"
vorgestellt. Das behutsame bewusste Aufeinander-Eingehen half ihm
auch auf diesem Gebiet. Allerdings bedurfte es noch entscheidender
Willenskraft vielen Gebetes (und einer bewussten Lossagung von Pornographie!),
bevor seine Erinnerung geheilt war.
Was die Masturbation betraf, so hatte sich Claudia zunächst verpflichtet,
Karl zuliebe nicht zu masturbieren, oder es ihm ,,zu sagen", falls
es vorkommen würde. Er seinerseits wollte es ihr "beichten", wenn
er sich unguten Gedanken hingab. Diese Vereinbarung mag für manche
erfahrene Partner naiv klingen, ist jedoch unter Umständen ei hilfreicher
Neuanfang. Was denken Sie, wer dem anderen mehr zu beichten hätte?
Natürlich Karl. Humorrollerweise hat er dadurch gelernt, dass es
noch ganz andere Gefahren gibt, gegen seinen Körper und den des
Partners zu sündigen, als Masturbation. Die beiden gewähren einander
heute die volle Freiheit in diesem "persönlichen sexuellen" Bereich,
und sind entschieden, immer offen und transparent zueinander zu
sein.
Sie wissen inzwischen auch, dass es manchmal leichter ist, sich
selbst zu befriedigen, als auf den Partner einzugehen, sich auf
sein/dir Tempo einzulassen, sich möglichen Misserfolgen oder Zurückweisungen
auszusetzen. Das ist übrigens für viele Paare eine Gefahr. Solo-Sex
ist aus mehreren Gründen einfacher und deshalb weniger herausfordernd,
was verständlicherweise für viele attraktiv ist. Ob und wann immer
Masturbation aber in der Ehe praktiziert wird - es sollte nicht
auf Kosten der gemeinsamen sexuellen Beziehung gehen (dasselbe gilt
allerdings genauso auch für andere Dinge, wie Fernsehkonsum, Hobbies
u.ä.).
Erfahrene Partner wissen, dass sie sich zwar selbst einen Orgasmus
verschaffen, dass sie sich selbst aber nicht erfüllend mit Zärtlichkeit
versorgen können. Zärtlichkeit, Nähe und Wärme muss man empfangen,
man kann sie nicht selbst produzieren.
Ich selbst bin dankbar für alles, was ich von Karl und Claudia (die
Namen sind selbstverständlich geändert) gelernt habe. Für Sie als
Leser habe ich einen zweifachen Wunsch: Partner, für die Masturbation
keine Bedeutung hat, sollten nicht glauben, sie müssten jetzt damit
anfangen, um ihr Sexleben zu bereichern. Allen anderen, für die
Masturbation in irgendeiner Form ein Problem war möchte ich durch
meine Beobachtungen Mut machen, der Selbstbefriedigung einen kreativen
Platz einzuräumen. Dazu gehört die Bereitschaft, offen miteinander
zu reden und respektvoll mit der Tatsache umzugehen, dass wir zuallererst
unsere eigene Sexualität sind und haben.
Folgende Fragen können zu einem Paardialog anregen:
- Kann ich meine Sexualität als Gottes Geschenk annehmen und
ihm dafür danken?
- In welchen Situationen habe ich am ehesten das Bedürfnis, zu
masturbieren?
- Wie geht es mir, wenn mein Partner es allein macht?
- Wie könnten wir diesen Aspekt unserer Sexualität gemeinsam
geniessen?
In der Bereitschaft gegenseitigen Verstehens können wir uns alle
auf den Weg begeben zur ganzheitlichen, liebenden Sexualität, wo
jenes biblische Prinzip für die Ehe Gestalt gewinnt, nachdem weder
Mann noch Frau ausschliesslich über ihren eigenen Leib verfügen
(1. Korinther 7,4), sondern einander gehören wollen mit Geist, Seele
und Leib.
Dr. Arthur Domig leitet eine Beratungsstele für Persönlichkeitsentwicklung,
Partnerschaft und Familienbeziehungen in Salzburg. Er ist verheiratet
mit Elizabeth und hat drei Kinder
Erschienen im FAMILY
Magazin
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