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Intimität / Sexualität
Wilf und Christa Gasser, Sept. 1996
Sexualität ist ein Schöpfungsgedanke
Gottes und deshalb an sich ein Geschenk. Sie ist zugleich Ausdruck
der Kreativität Gottes, denn Nachkommenschaft könnte losgelöst
sein von dieser Erfahrung des sich Begegnens. Die Bibel
verbindet den Geschlechtsakt mit einer tieferen Begegnung. Luther
übersetzte diesen Aspekt mit und Adam erkannte seine
Frau.... Für uns ist es wichtig, dieser tieferen Dimension
nachzuspüren und von der sehr mechanischen, auf Triebbefriedigung
beschränkten Denkweise wezukommen.
Sexualität ist nicht an sich gut oder schlecht. Wir können
allerdings auf einem guten oder schlechten Weg sein. Die Frage lautet:
wohin gehen wir mit unserer Sexualität? Was machen wir damit?
Was bedeutet sie für uns? Fördert das, was wir tun, unsere
Fähigkeit zu zwischenmenschlicher Kommunikation, unsere Achtung
voreinander und unsere Verantwortung füreinander? Oder ist
es vor allem Ausdruck unserer Selbstsucht und unseres Besitzstrebens?
Es gibt wohl kaum einen Bereich menschlicher Beziehung, wo mehr
gelogen wird als in diesem. Dieses Lügen verletzt und macht
uns letztlich unfähig, wirklich Intimität zu erleben.
Das Wort Intimität bedeutet:
in die Furcht hinein (lat.=intimedere). Zur Intimität fähig
zu werden bedeutet, die vielfältigen Aengste in uns zu überwinden.
Es gibt so viele Aengste davor, dass wir nicht liebenswert oder
liebesfähig sein könnten. Wir haben Angst, uns zu zeigen
wie wir sind.
Intimität fängt nicht damit an,
dass ich den Partner kennenlerne, sondern damit, dass ich mich kennenlerne.
Deshalb muss ich mich in erster Linie mit mir selber auseinandersetzen
wollen.
Jede enge Beziehung ist wie ein Spiegel, der unser wahres Wesen
sichtbar macht und uns zeigt, dass wir letztlich nicht wissen wie
man wirklich liebt. Zu den Schattenseiten unseres Wesens können
wir nur schlecht stehen. Deshalb ist uns so wohl im Verliebtsein.
Da lieben wir nämlich in erster Linie einen Traumprinzen oder
eine Traumfrau, und geniessen es, als das angehimmelt zu werden.
Aber da sind eben auch unsere aggressiven, furchtsamen, unsicheren
und liebesunfähigen Seiten. Und nur wenn wir es wagen, diese
wilden Tiere unserem Partner zu zeigen und nur, wenn wir erleben,
dass der andere diese Bestien akzeptiert und uns vergibt, können
wir auch der tiefen Schönheit begegnen, die in jedem von uns
verborgen liegt, die ungeheure Fähigkeit zur Liebe und zur
Nähe. Aber dafür müssen wir uns auf intime Beziehungen
einlassen. 1. Joh. 1.7 drückt dies in biblischer Sprache aus.
Wirkliche Nähe erfahren wir, wenn wir einander nicht äusserlich,
sondern mit unserem Innenmenschen nahe sein können.
Eine sexuelle Beziehung ist dann gut, wenn ich mich mit meinem Körper
und mit meiner Seele ausdrücken kann. Ein Autor schrieb: Denn
sexuelle Beziehungen sind zunächst nichts weiter als Ritual,
Symbolhandlung, die versucht, eine innere Wirklichkeit auszudrücken.
Wichtig ist die Wirklichkeit, nicht das Ritual. Ein ganzer Mensch
ist jemand, bei dem Ritual und Wirklichkeit eins geworden sind.
Dann spricht unser Körper die Wahrheit unserer Seele aus.
Unsere Sexualität ist die Kunst der Kommunikation
unserer gesamten Person, einschliesslich unseres Körpers. Sie
ist unser Versuch, gleichzeitig unseren Körper und unsere Seele
auzudrücken und rüberzubringen.
Wir können von einer guten sexuellen Beziehung sprechen, wenn
wir mit unserem Körper das sagen, was wir wirklich sagen können,
was wir in Freiheit sagen können, was wir tatsächlich
sagen wollen - und wofür wir die Verantwortung übernehmen
können.
Wenn wir hier lügen, werden wir zerrissen und gespalten. Ein
extremes Beispiel dafür ist die käufliche Sexualität.
Körperlich wird Nähe und Hingabe ausgedrückt, aber
vieles wird bewusst vor dem andern verschlossen. Aber auch wir sind
vor dieser Art Lüge nicht gefeit.
Eine sexuelle Beziehung ist dann
gut, wenn sie Ausdruck der ganzen Person ist - und nicht nur eines
Teils der Person.
Eine sexuelle Beziehung wird dann schlecht, wenn wir Teile unseres
Lebens für uns behalten wollen und unvereint lassen.
Deshalb ist die grosse Herausforderung für euch, vor der
Ehe diesen Weg der Intimität zu gehen und zu lernen.
Pseudointimität
Sexualität beinhaltet auch die Erfahrung, dass das Gegenüber
so fremd und unbekannt ist. Das andere Geschlecht ist zugleich faszinierend
und bedrohlich. Und hier besteht die grosse Gefahr, dass wir diese
Barriere durch schnelle sexuelle Beziehungen zu überwinden
suchen, ohne dass wir das andere Geschlecht, die andere Person wirklich
angenommen haben. Man sucht dann im körperlichen Kontakt eine
Pseudonähe. Oft wirkt sich das bei Paaren verheerend aus, die
eigentlich auf der Beziehungsebene immer grössere Schwierigkeiten
erleben. Je weniger sie miteinander sprechen und sich verstehen
können, desto intensiver schlittern sie in eine körperliche
Ueberbetonung hinein. Eine schnell herbeigeführte sexuelle
Beziehung steigert das Gefühl der Verliebtheit und die sexuelle
Anziehung gaukelt Liebesgefühle vor. (Ruthe) Beide spüren
zwar, dass etwas nicht stimmt. Aber in der Körperlichkeit sucht
man die Trennung zu überwinden. Auch diese Lüge verletzt
und manche ehelichen Probleme haben hier ihre Wurzel. Häufiger
empfinden dies Frauen. Die gleichen Männer, die vor der Ehe
sehr drängend waren und meinten, ohne sexuellen Kontakt nicht
auszukommen, gehen dann als Verheiratete plötzlich nicht mehr
mit der Frau ins Bett. Sie schauen sich lieber einen Pornofilm an.
Dann wissen sie genau wo es kribbelt und was passiert, und müssen
sich nicht mit einer Frau auseinandersetzen, die vielleicht einen
schlechten Tag hatte, zuerst mal von den Kindern erzählen möchte,
oder zuerst noch einen Ehekonflikt bereinigen müsste.
Umgang mit persönlichen Defiziten
Ein anderer Aspekt von Lüge ist der, dass wir unseren Partner
lieben wollen, ohne uns selbst angenommen zu haben, ohne uns selbst
lieben zu können. Wir können jedoch nicht andere lieben,
ohne uns selbst zu lieben. Ich muss mit mir selbst im Reinen sein.
Wenn ich innerlich gespalten, unruhig und zerrissen bin, kann ich
keine echte Einheit in der Partnerschaft erleben. Sexualität
ist auch der Drang zu Vereinigung, ganz und eins zu werden. Wir
suchen unter Umständen Einheit ausserhalb uns selber, bevor
wir in uns selbst und mit uns selbst eins sind. (Uebung: Warum will
mein Partner ausgerechnet mich?)
Wenn wir so in eine Beziehung eintreten, überfordern wir langfristig
auch unseren Ehepartner. Denn langfristig kann niemand unsere Löcher
stopfen. Hier ist es so zentral wichtig, dass wir aus der Beziehung
zu Jesus heraus lernen, mit diesen Löchern umzugehen.
In der Sexualität treffen
sich Körper, Seele und Geist. Es ist der Punkt, wo wir uns
und andere am tiefsten verletzen und sogar zerstören können.
Deshalb braucht Sexualität einen verbindlichen, sicheren
Rahmen. Dieser Rahmen ist nicht ein persönliches Versprechen,
quasi unter der Bettdecke abgegeben, sondern der Ehebund, aber
auch unser Bund mit Gott.
In 1. Kor. 7,34 schreibt Paulus: ... um heilig zu sein an Leib
und Geist. Heilig sein heisst: ausgesondert oder abgesondert für
.....
Paulus beschreibt in 1. Kor. 6 weshalb wir uns vor Unzucht hüten
sollen. Wir gehören nicht mehr uns selbst, sondern durch Jesu
Opfertod sind wir in eine Bundesbeziehung zu ihm getreten. Auch
unser Leib gehört ihm. Und deshalb darf nur derjenige an meinem
Körper Anteil bekommen, der selbst zu einer Bundesbeziehung
bereit ist. Unzucht ist also, wenn ich körperliche Einheit
suche ohne Bundesbeziehung.
Was heisst sexuelle Reinheit?
Früher verstand ich darunter Jungfräulichkeit. Aber dann
könnten die meisten jungen Menschen gar nicht mehr sexuell
rein sein. Keuschheit heisst nicht Vermeidung um jeden Preis bzw.
dass jemand nie einen Fehler gemacht hat. Eine bessere Definition
ist, dass jemand sich auf Jesus ausrichtet, biblische Prinzipien
verstehen und leben will und nach gemachten Fehlern aufgestanden
und weitergekommen ist, anstatt steckenzubleiben. Dies erfordert
ein hohes Mass an Aufrichtigkeit und Verwundbarkeit zwischen zwei
Menschen.
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