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Sexualität geniessen lernen
VON JOYCE & CLIFFORD PENNER
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Ob etwas sexuell angenehm oder angemessen ist, kann von einem eher
traditionellen oder einem stärker experimentellen Standpunkt aus beurteilt
werden. Manche Arten sexuellen Engagements werden als "natürliche"
Positionen, Stile und Stimulierungen angesehen - aber nur deswegen,
weil sie häufig sind. Diese üblichen, traditionellen Ansichten werden
dann schnell als die ,,richtige" Art, sich zu lieben, vermittelt,
während alles andere - an Unrecht - als seltsam oder abweichend definiert
wird.
Der richtige Ort
"Jeder weiss, dass es nur einen anständigen Platz gibt, um sich
zu lieben: im Bett, unter der Decke, im Schlafanzug". Stimmt das?
Mag sein, dass unsere Betten der häufigste Ort für das Miteinander
Schlafen sind. Vielleicht ist es auch der intimste und bequemste
Ort - aber es ist nichts Heiliges an ihm.
Ein jung verheiratetes Paar hatte genau mit diesem Konflikt zwischen
Tradition und Experimentierfreude Probleme. Die Frau probierte gerne
aus, der Mann war eher Traditionalist. Sobald seine Frau versuchte,
vom Gewöhnlichen abzuweichen, fühlte sich ihr Mann unwohl. Eines
Tages fing sie auf dem Teppich vor dem Kamin ein Liebesspiel an.
Als Reaktion auf ihren romantischen Versuch fing dir Mann an zu
lachen. Natürlich fühlte sie sich verurteilt.
Aber ist es wirklich so ungewöhnlich, zu experimentieren? Eine
Liebesbeziehung am Leben zu erhalten, erfordert Aufgeschlossenheit
für etwas Neues. Doch solange nicht beide Partner dafür offen sind,
gehen solche Versuche schnell schief. Deswegen ist es wichtig, dass
neue Ideen aus der gegenseitigen Kommunikation heraus erwachsen.
Hat man sich für eine Idee entschieden, kann man sie zusammen probieren.
Das bedeutet ja dennoch nicht, dass nicht einer den anderen auch
noch überraschen kann. Überraschungen sind wunderschön, solange
man die Vorlieben des Partners berücksichtigt.
Bei einem Wechsel des Platzes für die Liebe muss man sich nicht
immer sofort einig sein. Das Schlüsselkriterium aber ist, dass man
die Intimität vor der Aussenwelt wahrt und dass beide Partner sich
an einem solchen neuen Platz wohl fühlen. Jenseits davon aber gibt
es keine Grenzen. Manche Paare geniessen es, in ein anderes Zimmer
zu gehen und ein anderes Bett zu benutzen. Andere bevorzugen Kissen
auf dem Schlafzimmerboden oder vor dem Kamin - wenn man denn einen
hat. Und natürlich gibt es auch romantische Plätze in einer sonnigen
Landschaft, am Strand oder im Wald. Sofern es dort genug Intimität
gibt, können diese Orte eine herrlich erregende Note einbringen.
Alles ist möglich, auch wenn das Schlafzimmer der Lieblingsort bleibt.
Selbst die Richtung im Bett zu wechseln kann eine neue Perspektive
sein, die Sie aus der Routine herausholt....
Das Suchen nach neuen Orten ist gut - vorausgesetzt, beide Partner
mögen es. Dem anderen etwas aufzudrängen verursacht nur Anspannung.
Wenn Sie beim Experimentieren Stress empfinden, sollten Sie darüber
sprechen. Das Gespräch über unsere sexuellen Empfindungen ist die
beste Möglichkeit, hilfreiche Lösungen zu finden. Viele Paare stellen
fest, dass einer von ihnen stärker experimentieren will als der
andere. Der Probierfreudige muss dann bereit sein, die Initiative
zu ergreifen, gleichzeitig aber rücksichtsvoll genug bleiben, auf
den anderen zu warten, bis er sein Zögern überwindet.
Positionen
Es gibt dicke Wälzer über die verschiedenen Stellungen beim Geschlechtsverkehr,
deshalb scheint es uns gut, diesen Abschnitt mit einer Warnung zu
beginnen. Neue Positionen auszuprobieren, kann unsere Sexualität
vor Langeweile bewahren. Wir beide sind in sehr engen Umständen
gross geworden und waren entschlossen, dass unsere Ehe nicht langweilig
werden sollte. Während der ersten fünf Tagen unserer Hochzeitsreise
versuchten wir deswegen, so ungefähr jede Stellung auszuprobieren,
die wir uns vorstellen konnten. Bevor wir überhaupt das ABC der
Sexualität begriffen hatten, probierten wir schon die Raffinessen.
Es war so, als ob ein Anfänger versucht, Chopin zu spielen. Es hat
uns zwar nicht geschadet, aber es war weder notwendig noch hat es
uns zu diesem Zeitpunkt irgendwie bereichert.
Eine zu starke Betonung des Themas Positionen scheint uns deswegen
kaum hilfreich. Man wird vielleicht zu einem brillanten Techniker,
der alle möglichen Verrenkungen beherrscht und eine Checkliste der
47 angenehmsten Stellungen aus dem Kopf aufschreiben kann - aber
das Miteinander Schlafen wird dadurch noch lange nicht zum Ausdruck
tiefer Liebe zwischen zwei Menschen. Erst wenn das Experimentieren
mit Positionen aus der natürlichen Freude des Paares an seinem Zusammensein
und seiner Liebe entspringt, füllt sich die Sache mit Bewegung und
Leben.
Die traditionelle Position für den Liebesakt wird häufig als ,,Missionarsposition"
bezeichnet - der Mann liegt auf der Frau. Viele Paare bevorzugen
diese Stellung. Einer ihrer Vorteile ist, dass mit ihr ein festerer
klitoraler Kontakt ermöglicht wird, der die Frau besser erregt.
Auf jeden Fall aber sollten Sie immer jene Position wählen, die
Ihnen am besten gefällt.
Für den gelegentlichen Wechsel und das Experimentieren spricht
viel. Denn jede Sache - egal wie angenehm oder nicht - , die immer
auf die gleiche Art ausgeführt wird, steht in der Gefahr, langweilig
zu werden. Wenn Sie jedes Mal in Beethovens Fünfte geben, wenn Sie
in ein Konzert wollen, dann wird selbst dieses grossartige Musikstück
langsam langweilig. Und auch wenn Sie in Ihrem Lieblingsrestaurant
dreimal pro Woche Ihr Lieblingsgericht essen würden, hätte das bald
keinen Reiz mehr. Mit der sexuellen Begegnung ist es nicht Anders.
Verhalten Sie sich jedes Mal gleich, wird es zur Gewohnheit. Viele
Paare stellen fest, dass sie nach dem ersten Vertrautwerden miteinander
gerne aus der Routine ausbrechen und kreativ werden möchten. Der
erste natürliche Versuch dass ist vielleicht, dass die Frau oben
liegt oder sitzt - also die genaue der Missionarsposition. Es gibt
viele Vorteile für diese Position. Oft benötigt die Frau viel mehr
Stimulation und auch viel spezifischere als der Mann. Der Mann kann
schon durch allgemeine, unspezifische Stimulierung hoch erregt sein.
Wenn die Frau in der oberen Position ist, kann sie viel mehr der
Art Stimulierung nachgehen, wie sie sie benötigt.
Manche Frauen und Männer haben vielleicht Zweifel daran, ob es
richtig ist, dass sich eine Frau durch diese Position ihrem Genuss
hingibt. Sie haben - vielleicht unbewusst - zweierlei Normen: Für
einen Mann ist es okay, aktiver Stimulierung nachzugeben, für eine
Frau nicht. Klar bleibt: Wenn sich die Frau in der oberen Position
befindet, kann sie selbst entscheiden, wie sie ihr eigenes Vergnügen
beeinflusst. Sexuelle Erfüllung wird leichter für sie.
Ein anderes Problem für manche Männer ist, dass sie sich in ihrer
Männlichkeit und Führungsrolle bedroht fühlen, wenn die Frau die
rettende Stellung einnimmt. Irgendwie hat die Symbolik, dass die
Frau beim Sexualakt über dem Mann ist, negative Bedeutung für sie.
Falsche Vorstellungen über die weibliche Unterordnung haben schon
viel Stress und Unruhe in das Leben der Menschen gebracht. Ehepaare
müssen hier offen über ihre Ansichten und neue Wege des Verständnisses
sprechen - vor allem, dass gegenseitige Unterordnung vorbildliches
Verhalten voraussetzt, das Unterordnung verdient. Eine falsche Vorstellung
von Dominanz oder der Anspruch, Unterordnung vom anderen einzufordern,
sollte dringend - gegebenenfalls auch durch Mithilfe kompetenter
Bezugspersonen - angegangen werden. Dominanz eines Partners verbirgt
allzu oft eine Unsicherheit oder soll eine Lücke in der Persönlichkeit
füllen, die aber anders gefüllt gehört.
Viele andere Positionen liegen zwischen diesen beiden, in denen
entweder der Mann oder die Frau sich oben befindet. Eine der häufigsten
und hilfreichsten wird "laterale Position" genannt. Beide Partner
liegen auf der Seite, wobei ein Partner eines der Beine über das
des anderen spreizt, anstatt zwischen seinen Beine über das des
anderen spreizt, anstatt zwischen seinen Beinen zu sein. Der Grund,
weshalb diese Position vorteilhaft sein kann, liegt darin, dass
manche Frauen mehr stimuliert werden , wenn das männliche Glied
de Seiten der Vagina direkt berührt. Es gibt vier Variationen der
lateralen Position. Der Mann kann oben sein und das rechter oder
linke Bein der Frau spreizen, oder die Frau spreizt das rechte oder
linke Bein des Mannes.
Stehen oder Sitzen können nicht weniger interessante Variationen
sein. Manchmal finden Paare , dass die Position, in welcher der
Mann von hinten in die Vagina eintritt anstatt von vorne, für die
Frau am erregendsten ist. Es gibt einige Vorteile dieser Stellung,
Sie ermöglicht leichten Zugang zu den Brüsten und der Klitoris.
Sie hat aber den Nachteil, dass der direkte Kontakt von Angesicht
zu Angesicht fehlt, was für das Gefühl der Intimität entscheidend
sein kann.
Entwickeln Sie eine offene Haltung, so dass die Wahl der Stellung
aus den Gefühlen des Augenblicks heraus wachsen kann.
Wie begegnet sich das Paar?
Ein weiterer Aspekt im Liebesakt ist der "Stil" der Begegnung. Ein
Paar, das Probleme hat oder Sexualität nicht mehr als allzu aufregend
empfindet, hat gewöhnlich zuviel Routine im Liebesakt entwickelt.
Sie gehen selten von ihrem Schema ab, es ei denn , die sind alleine
in einer anderen Umgebung - z. B. in den Ferien. Viele Menschen
verhalten sich oft bemerkenswert anders während der Ferien, sobald
sie aber nach Hause kommen, fallen sie wieder in das alte Schema
zurück.
Ob Mann oder Frau, seien Sie kein Frosch! Wenn Ihnen Ihr Ritual
zu offensiv ist, dann sprechen Sie darüber. Aber wenn es zu Langweilig
ist , ergreifen Sie die Initiative, ohne zu sprechen. Wenn Ihr Mann
sich vor dem Ins-Bett-Gehen duscht, bereiten Sie den Raum vor, indem
Sie Kerzen anzünden und Ihrer Lieblingsmusik einschalten. Oder Sie
warten nicht bis zur Bettzeit. Verführen Sie ihn bereits zu einem
anderen Zeitpunkt. Beginnen Sie, seinen Körper zu streicheln und
zu geniessen, anstatt zu warten, bis der Partner anfängt. Wenn Sie
sich normalerweise im Dunkeln lieben, machen Sie das Licht an -
oder umgekehrt. Alles, was eine Veraänderung mit sich bringt, kann
einen neuen Funken entfachen.
Stimulieren
Die Art und Weise der Stimulierung entspringt den jeweiligen Gewohnheiten
und dem Ritual. Viele der älteren Ehehandbücher gehen davon aus,
dass es die Pflicht des Mannes sei, die Frau zu erregen. Das geschieht
mit Küssen, streicheln ihrer Brüste und der Klitoris. Dann sollte
sie - laut Lehrbuch - erregt und zum Geschlechtsakt bereit sein.
Dies ist eine sehr unpersönliche und uneffektive Weise, seine Frau
zu lieben.
Tatsache ist, dass die meisten Frauen weder durch dieses besondere
noch durch überhaupt ein Schema erregt werden. An einem Tag geniesst
eine Frau das Küssen, am anderen nicht.
Manchmal geniesst Sie die Brustberührung, manchmal mag sie es
lieber auf eine andere Weise. An einem Tag mag sie, dass man die
Brüste an den Warzen streichelt oder daran saugt, in der nächsten
Nacht kann es für sie schmerzhaft sein. Manchmal ist die direkte
klitorale Stimulierung angenehm, dann wieder die indirekte. Diese
Schrittweise Entdeckung von sich und dem anderen fügt der sexuellen
Begegnung Spannung und Leben hinzu.
Die Art der Stimulation, die eine Person geniesst wird, variiert
von einer Person zur anderen, von Tag zu Tag und von Augenblick
zu Augenblick. Dies kann für Männer und Frauen zutreffen - obwohl
es verstärkt von Frauen berichtet wird. Am Anfang des Leibesaktes
hat eine Mensch Lust zu küssen, am Ende braucht er vielleicht mehr
Freiheit zum völligen Körpergenuss. Küssen mag dann zu einschränkend
sein. Jemand anderes fühlt sich anfangs vielleicht nicht nach Küssen,
später aber dann doch. Es ist nicht falsch oder richtig an diesem
Wechsel - es ist einfach nur normal. Jeder Mensch und jedes Paar
muss lernen, mit den unterschiedlichen Gefühlen und Stimmungen umzugehen,
die während des Liebesaktes auftreten. Wenn jeder die Verantwortung
dafür übernimmt, seinem eigenen Verlangen nach zu gehen, gibt es
weniger Spannungen zwischen des Partnern. Es wird dann kein Ratespiel
sein, wo man versucht, herauszulesen, was der andere wünscht. Lernt
man erst einmal den Spass kennen, den Variation, Necken, Wechsel
von einer Art der Stimulierung zur anderen macht, dann wird man
es normalerweise bevorzugen, so zu lieben.
Eine Form der Stimulation, die viel Stress hervorrufen kann, ist,
dass der Mann oder die Frau eine Stelle findet, die den Partner
erregt, und er immer nur diese eine Stelle stimuliert. Es ist besonders
frustrierend für die Frau, wenn der Mann sich auf die klitorale
Stimulierung konzentriert und dabei bleibt, bis die Frau eine orgastische
Reaktion hat. Damit kann man fast sicher gehen, dass es eher ein
Reizung als einen Orgasmus bringt. Die meisten Frauen finden die
Stimulierung am anregendsten, wenn Stelle und Intensität variieren.
In unseren Seminaren bitten uns Frauen stets, Männern drei Dinge
zu sagen: 1. Es nicht so eilig zu haben; 2. nicht an den "heissen"
Punkten zu kleben, bis sie ausgedient haben, und 3. zu streicheln
und zu liebkosen, ohne eine besondere sexuelle Erwartung daran zu
knüpfen.
Für einige Menschen erscheint die Methode der Stimulation relativ
unwichtig. Andere erleben so viel Enttäuschung und Not, dass sie
das Gefühl haben, "wenn ich noch einmal diese Routine erleben muss,
schreie ich oder gebe es für immer auf". Statt zu schreien, versuchen
Sie es mal mit richtiger Kommunikation: mit einem Brief, einer Kassette
oder einer direkten Botschaft. Kommunikation wird Ihren Partner
nicht so schnell schockieren wie ein Schrei. Er wird Ihnen auch
besser zuhören. Sie müssen Ihre Aussagen wahrscheinlich mehr als
einmal wiederholen. Erwarten Sie nicht, dass Sie nicht wieder in
die alten Gewohnheiten hineinrutschen werden, bloss weil Sie eine
Woche lang Ihre Routine geändert haben. Wie jedes Lernen benötigt
auch die sexuelle Veränderung Zeit und findet nicht in einem Augenblick
statt.
Joyce & Clifford Penner leben als Eheberater in den USA. Der
Artikel ist ein bearbeitender Auszug aus dem Buch "Meine Liebe schenk
ich Dir" Editions Trobisch, Kehl.
Erschienen im FAMILY
Magazin
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